Sabio Tarot · Grundlagen und Lernen
Die 78 Tarotkarten als System
Wenn du ein vollständiges Tarotdeck auf dem Tisch ausbreitest, liegen dort nicht 78 unverbundene Botschaften. Die Karten bilden mehrere Gruppen mit unterschiedlichen Funktionen. Wer diese Gruppen erkennt, kann geordneter lernen und vor allem verstehen, warum eine Karte je nach Frage und Nachbarkarten anders zu deuten ist.
Ein heutiges Tarotdeck umfasst gewöhnlich 22 Karten der Großen und 56 der Kleinen Arkana. Die Kleinen Arkana verteilen sich auf vier Farben mit je 14 Karten: zehn Zahlenkarten und vier Hofkarten. Das Metropolitan Museum of Art erklärt diesen Aufbau anhand historischer Decks; das Victoria and Albert Museum zeigt Beispiele aus beiden Gruppen. „Gewöhnlich“ ist dabei entscheidend: Alte und manche moderne Decks weichen davon ab. Sieh dir also zuerst das Deck an, das du tatsächlich besitzt.
Erst ein Überblick, dann die Bedeutungen
| Gruppe | Karten im üblichen Aufbau | Worauf du zuerst achten kannst |
|---|---|---|
| Trümpfe oder Große Arkana | 22 | Figur, Name, Nummerierung und Position in der Legung. |
| Kleine Zahlenkarten | 40 | Farbe, Zahl, Anordnung und konkrete Darstellung im Deck. |
| Hofkarten | 16 | Farbe, Rang, Geste und mögliche Funktion für die Frage. |
Die beiden letzten Gruppen ergeben zusammen 56 Karten der Kleinen Arkana. Du musst nicht 40 plus 16 plus 22 unveränderliche Bedeutungen auswendig lernen. Die Tabelle zeigt dir nur, wo du nach Hinweisen suchen kannst. Eine Schwerterkarte gehört zu derselben Farbe wie andere Schwerter, doch die Zwei ist nicht gegen die Neun austauschbar. Eine Königin kann eine Handlungsweise darstellen, ohne zwingend eine bestimmte Frau zu meinen.
Die Großen Arkana: ein Thema, kein Urteil
Die Großen Arkana erkennst du an Figuren und Namen wie Der Narr, Gerechtigkeit oder Die Welt. In frühen Tarotdecks waren sie die Trümpfe eines Spiels; die Bezeichnung „groß“ gehört zur späteren Entwicklung der Kartendeutung. Wer diese Geschichte kennt, wird eine moderne Bedeutung nicht als Tatsache aus dem Italien des fünfzehnten Jahrhunderts ausgeben.
In einer heutigen Legung kann eine große Arkankarte den Blick auf ein weites Thema lenken: eine Entscheidung, einen Perspektivwechsel, den Umgang mit einer Regel oder eine Phase der Überprüfung. Sie hat kein automatisches Gewicht, das alle anderen Karten aufhebt. Fragst du, wie du ein Gespräch vorbereitest, und Gerechtigkeit erscheint, könntest du prüfen, welchen Ausgleich du für fair hältst. Liegt dieselbe Karte auf der Position „Ressource“, kann sie darauf hinweisen, dass du schon klare Kriterien hast. Frage und Position sind Teil der Deutungsarbeit.
Auch die Nummerierung der Großen Arkana ist nicht in jedem Deck gleich. In vielen Marseille-Decks trägt Gerechtigkeit die VIII und Kraft die XI; im Rider-Waite-Smith-Tarot ist Kraft VIII und Gerechtigkeit XI. Wenn dein Buch und dein Deck verschiedene Konventionen verwenden, wirken die Kapitel womöglich vertauscht. Bestimme beide, bevor du damit lernst.
Die vier Farben: Fragen, die eine Deutung eröffnen
Kelche, Schwerter, Stäbe und Münzen sind die vier italienischen Farben, die das Met beschreibt. In der heutigen Praxis werden sie häufig mit Beziehungen, Gedanken oder Konflikten, Handeln und materiellen Mitteln verbunden. Das sind Orientierungshilfen, keine mechanischen Gleichungen. Ein Kelch beweist keine Liebe; ein Schwert kündigt keinen Schaden an; eine Münze verspricht kein Geld.
Beim Anblick einer Farbe kannst du zunächst fragen:
- Kelche: Welche Beziehung, Zuneigung oder welches Bedürfnis nach Fürsorge spielt hier eine Rolle?
- Schwerter: Welche Entscheidung, Spannung, Vorstellung oder Grenze braucht Klarheit?
- Stäbe: Welche Initiative, Anstrengung oder Bewegung ist im Spiel?
- Münzen: Welche Mittel, materiellen Bedingungen oder beobachtbaren Ergebnisse zählen?
Prüfe anschließend, ob diese Fragen in der wirklichen Legung helfen. Wenn du nach einem künstlerischen Projekt fragst und ein Kelch erscheint, könnte die Zusammenarbeit mit anderen wichtig sein. Geht es um eine Freundschaft und eine Münze erscheint, könnten verfügbare Zeit oder praktische Hilfe das Thema sein. Die Farbe öffnet eine Beobachtungsrichtung; sie sperrt das Leben nicht in vier Schubladen.
Zahlen: eine Folge, die du am Bild prüfen musst
Vom Ass bis zur Zehn ist eine Zahlenfolge sichtbar. Manche Methoden verwenden die Zahl als Hinweis auf Beginn, Beziehung, Entwicklung oder Ansammlung. Das kann beim Lernen helfen, wenn Farbe und Bild diese Abstraktion zugleich korrigieren. Die Zwei der Kelche und die Zwei der Schwerter teilen die Zahl, doch ihre Symbole und Szenen stellen nicht genau dieselbe Frage.
In einem traditionellen Marseille-Tarot zeigen die kleinen Zahlenkarten vor allem grafisch angeordnete Gegenstände der jeweiligen Farbe. Achte auf ihre Anzahl, Verteilung und den Raum dazwischen sowie auf die Nachbarkarten. Beim Rider-Waite-Smith-Tarot haben viele Zahlenkarten szenische Bilder. Dort kannst du zusätzlich Gesten und Beziehungen zwischen Figuren beobachten. Übertrage keine Rider-Szene auf eine Marseille-Karte, die diese Szene nicht zeigt.
Probiere es mit zwei Karten derselben Zahl. Bevor du ein Buch aufschlägst, schreibe einen Satz über ihre Gemeinsamkeit und einen über ihren Unterschied. Würden deine Sätze zu beliebigen Kartenpaaren passen, sieh dir die Bilder noch einmal an. Die Methode hilft, wenn eine konkrete Beobachtung deine Deutung verändert.
Hofkarten: mehr als eine mögliche Hypothese
Jede Farbe umfasst im üblichen Aufbau Page, Ritter, Königin und König. Es liegt nahe, jede Hofkarte mit einer Person bestimmten Alters oder Geschlechts gleichzusetzen. In einem konkreten Zusammenhang kann das eine mögliche Lesart sein, aber nicht die einzige. Eine Hofkarte kann auch eine Aufgabe im Projekt, deine eigene Haltung, eine Art zu kommunizieren oder eine Dynamik zwischen mehreren Personen zeigen.
Angenommen, du fragst, was dir beim Abschluss einer gemeinsamen Arbeit hilft, und der Ritter der Stäbe liegt auf der Position „Ressource“. Du könntest an jemanden denken, der das Projekt voranbringt, aber ebenso an die Notwendigkeit, selbst die Initiative zu ergreifen. Welche Möglichkeit passt zu bekannten Tatsachen und den Nachbarkarten? Fehlen Belege für die Zuordnung zu einer Person, lass die Deutung offen. Genauigkeit besteht nicht darin, Details zu erfinden.
So nutzt du das System in einer wirklichen Legung
Stell dir eine Legung mit drei Karten zur Vorbereitung einer Entscheidung vor: Thema, das ich erkennen muss, Information, die mir fehlt und Handlung, die ich beeinflussen kann. Es erscheinen Gerechtigkeit, die Zwei der Münzen und der Page der Schwerter. Das ist ein erfundenes Übungsbeispiel, keine feste Deutungsformel für diese Karten.
Ordne zuerst die Karten ein: eine große Arkankarte, eine Zahlenkarte der Münzen und eine Hofkarte der Schwerter. Dann beachte die Positionen. Gerechtigkeit beim Thema kann dich dazu bringen, Kriterien der Fairness zu benennen; die Zwei der Münzen auf der Position der fehlenden Information kann zum Vergleich von Ressourcen, Fristen oder Belastungen anregen; der Page der Schwerter bei der Handlung kann nahelegen, präzise Fragen zu formulieren und Auskunft schriftlich einzuholen. Die Zusammenfassung könnte lauten: „Vor meiner Entscheidung benenne ich meine Kriterien, vergleiche die Bedingungen und bitte um die noch fehlenden Auskünfte.“ Der Satz antwortet auf die Frage, ohne den Karten Wissen über die Zukunft zuzuschreiben.
Du darfst zu einer anderen Deutung kommen, wenn das Bild deines Decks oder dein Kontext etwas anderes nahelegt. Entscheidend ist, dass du erklären kannst, wie du von jeder Karte zu deiner Schlussfolgerung gelangst. Gelingt dir das nicht, hast du vielleicht drei Stichwörter aneinandergereiht, statt einen Zusammenhang zu deuten.
Ein einfacherer Lernweg
Lerne zunächst die drei Gruppen und vier Farben zu erkennen. Übe danach täglich mit einer Karte: Notiere Sichtbares und eine mögliche Frage, bevor du ins Buch schaust. Vergleiche am Ende jeder Woche Karten derselben Farbe oder Zahl. Wenn du sie ohne Bedeutungsliste beschreiben kannst, gehe zu einer kleinen Legung über und beobachte, wie die Position die einzelne Karte verändert.
Der Ratgeber für die erste Tarotlegung begleitet dich beim Einstieg. Suchst du ein Handbuch zu den Bildern deines Decks, vergleiche Marseille-Tarot für Einsteiger und Rider-Waite-Tarot für Einsteiger. Das System der 78 Karten ist eine Landkarte; das passende Buch hilft dir, die tatsächlichen Bilder deines Decks zu lesen.
Vertiefe anschließend, wie Große und Kleine Arkana zusammenwirken, und lerne Marseille-Zahlenkarten ohne Szenen zu lesen.
Quellen
- Metropolitan Museum of Art, „Before Fortune-Telling: The History and Structure of Tarot Cards“, abgerufen am 26-09-2026.
- Victoria and Albert Museum, „A history of tarot cards“, abgerufen am 26-09-2026.