Sabio Tarot · Geschichte und Wissenswertes
Etteilla und frühe Handbücher zur Tarot-Kartomantie
Das British Museum verzeichnet ein Deck aus 78 Wahrsagekarten mit einem erhaltenen Anleitungsheft. Sein Handelsname Grand Etteilla erinnert an eine Person des achtzehnten Jahrhunderts. Das konkrete Exemplar wird aber auf etwa 1872–1890 datiert. Ein Name auf der Schachtel, die Lebenszeit eines Autors und das Erscheinungsdatum einer Ausgabe sind drei verschiedene Dinge.
Etteilla war der Berufsname von Jean-Baptiste Alliette. Das British Museum nennt ihn einen französischen Vermittler der Tarot-Wahrsagerei und erklärt, dass sein Künstlername die Buchstaben des Nachnamens umkehrt. Das Victoria and Albert Museum verortet ihn am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in der Geschichte der Kartomantie, zunächst mit gewöhnlichen Spielkarten und später mit Tarot.
Kartomantie vor dem Deck mit seinem Namen
Wahrsagen mit Karten entstand nicht aus einem einzigen Tarot-Handbuch. Laut V&A trat Etteilla als Lehrer der Kartomantie mit einem gewöhnlichen Deck aus 52 Karten auf und schuf in den 1770er-Jahren Karten speziell für diesen Zweck. Erst später nahm er Tarot in seine Arbeit auf, während auch esoterische Erzählungen über einen angeblichen ägyptischen Ursprung kursierten.
Aus dieser Reihenfolge folgt etwas Wichtiges: Niemand nahm einfach ein italienisches Deck des fünfzehnten Jahrhunderts zur Hand und fand darin ein unverändert überliefertes Handbuch mit wahrsagerischen Bedeutungen. Die neuere Kartomantie entwickelte Zuordnungen, Anleitungen und Produkte. Ihre Geschichte handelt von Autoren und Ausgaben, nicht von der bloßen Entdeckung eines nachgewiesenen Geheimcodes.
Was ein Museumsdeck belegt
Das Objekt 1904,0511.49.1-78 des British Museum umfasst 78 Karten und ein Anleitungsheft. Der Eintrag beschreibt Trümpfe mit Sinnbildern, die von vertrauten Motiven abweichen, und fantasievoll gestaltete Farben. Er nennt zudem Technik, Größe, Verlag und eine Datierung nach Etteillas Leben.
Das Stück belegt, dass eine mit seinem Namen verbundene Kartomantie-Tradition gedruckte Ausgaben, Verbreitung und Anleitungen hatte. Es beweist weder, dass Alliette dieses Exemplar selbst zeichnete, noch, dass jede seiner Karten mit den zu seinen Lebzeiten benutzten identisch war. Eine spätere Ausgabe kann frühere Elemente bewahren, überarbeiten oder verbinden. Für Aussagen über die Veränderungen müsstest du datierte Ausgaben vergleichen.
Dasselbe Museum bewahrt auch einen Druck mit dem Titel Cartonomancie, ou l'art de tirer les cartes aus seinem editorischen Umfeld. Anhand des Eintrags kannst du untersuchen, wie die Praxis beworben wurde. Ein Werbedruck ist aber keine Aufstellung aller Menschen, die diese Methode nutzten.
Warum seine Methode für heutige Leser wichtig ist
Etteilla erinnert an eine grundlegende Einsicht: Ein Deutungssystem wird gestaltet. Reihenfolge, Namen, Bilder und Anleitungen können ein zusammenhängendes Ganzes bilden. Öffnest du ein Handbuch zu einem Etteilla-Deck und hältst ein Marseille- oder Rider-Waite-Smith-Tarot in der Hand, passt die Bildbeschreibung vielleicht nicht. Dieser Unterschied lässt sich nicht lösen, indem du eine Karte für „authentischer“ erklärst. Du musst zuerst die vom Buch behandelte Ausgabe erkennen.
Prüfe vor dem Buchkauf drei Angaben: den genauen Decknamen, die Datierung der beschriebenen Ausgabe und eine Beispielkarte. Wiederhole den Vergleich mit einem Trumpf und einer Zahlenkarte. Behauptet der Autor eine geschichtliche Abstammung, verlange für jeden Sprung ein datiertes Objekt oder Dokument, besonders bei ägyptischen Herkunftsgeschichten.
Etteilla steht weder für die gesamte Kartomantie noch für jede heutige Tarotdeutung. Seine Bedeutung liegt darin, sichtbar zu machen, wie sich die Funktion von Karten mit neuen Regeln und Bildern ändern konnte. Die längere Zeitlinie findest du bei den Anfängen der Tarot-Kartomantie und bei der ägyptischen Herkunft als Idee.
Eine Zuschreibung lesen, ohne Jahrhunderte zu überspringen
Ein Deck namens „Grand Etteilla“ kann nach Jean-Baptiste Alliettes Tod entstanden sein. Das British Museum datiert sein Deck mit 78 Karten ans Ende des neunzehnten Jahrhunderts, während Etteilla im achtzehnten lebte. Diese zeitliche Lücke entwertet das Stück nicht; sie zeigt, wie lange ein Name in der Verlagsgeschichte weitergetragen wurde. Welche Regel tatsächlich von Etteilla stammt und was ein späterer Drucker veränderte, ließe sich nur durch den Vergleich datierter Zeugnisse klären.
Auf einer Deckschachtel können mindestens vier verschiedene Rollen genannt sein: Erfinder einer Methode, Gestalter der Bilder, Drucker und Verkäufer einer Ausgabe. Manchmal erfüllt eine Person mehrere; manchmal ist der größte Name eine geerbte Marke. Der Museumseintrag unterscheidet Verlag, Technik, Datum des Exemplars und Bemerkungen zum Erhaltungszustand. Wer nur den Titel übernimmt, verliert die Angaben, die für eine genaue Zuschreibung nötig sind.
Das hilft besonders bei Büchern, die sich „ursprüngliche Methode“ nennen. „Ursprünglich“ kann den ersten Text eines Autors meinen, eine spätere getreue Ausgabe, eine Rekonstruktion von Bedeutungen oder nur ein Verkaufsversprechen. Frage nach Datum und benutzter Quelle. Eine moderne Nachbildung kann ein altes System gründlich vermitteln, muss aber sagen, was sie rekonstruiert und was sie verändert.
Eine Übung mit drei Karten
Wähle einen Trumpf, eine Zahlenkarte und eine Hofkarte aus einer gut bestimmten Etteilla-Ausgabe. Vergleiche Namen und Bilder mit Karten an ähnlichen Stellen deines üblichen Decks. Halte drei Ebenen fest: strukturelle Entsprechung, bildliche Ähnlichkeit und Deutungsregel des Handbuchs. Leite die dritte nicht aus den ersten beiden ab. Zwei Decks können eine Farbe teilen und dennoch unterschiedliche Leseanleitungen bieten.
Sieh anschließend in das Begleitheft einer Ausgabe, sofern du rechtmäßig Zugang dazu hast. Erklärt es Mischen, Ordnen oder Auslegen? Unterscheidet es aufrechte und umgekehrte Karten? Setzt es Karten zueinander in Beziehung? Solche Einzelheiten machen eine Methode erlernbar. Eine Wortliste neben 78 Bildern ist nur ein Teil der Praxis. Am materiellen Heft wird sichtbar, dass Kartomantie durch bestimmte Veröffentlichungen weitergegeben wurde und nicht als Botschaft ohne Urheber.
Du musst Etteilla heute nicht zur Autorität erheben. Sein Beitrag zur Geschichte zeigt, wie Tarot in einen anderen kulturellen Markt gelangte: Decks für die Deutung, Anleitungen, Folgeausgaben und Namen, die ihre Urheber überlebten. Wenn du diese Entwicklung kennst, kannst du bei einem heutigen Handbuch dieselbe kritische Frage stellen: Welchen Gegenstand beschreibt es eigentlich?
Verwendete Quellen
- Etteilla, biografischer Eintrag und Deck mit Heft, 1904,0511.49.1-78, British Museum. Abgerufen am 26-09-2026.
- „A history of tarot cards“, Victoria and Albert Museum. Abgerufen am 26-09-2026.