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Sabio Tarot · Geschichte und Wissenswertes

Was „Marseille-Tarot“ in der Geschichte der Decks bedeutet

In einem Laden findest du zwei Decks „nach Marseille“, deren Farben, Namen und Einzelheiten nicht vollständig übereinstimmen. Das macht nicht zwingend eines davon zur Fälschung. Der Name steht für eine erkennbare Familie von Decks mit einer Geschichte der Verbreitung und Nachbildung, nicht für eine einzige unveränderliche Originalschachtel aus der Hand eines Autors.

Die Bibliothèque nationale de France versammelt auf Gallica als „de Marseille“ bezeichnete Tarots innerhalb einer viel größeren Spielkartensammlung. Das British Museum bewahrt eine spätere Reproduktion des Entwurfs von Nicolas Conver aus dem Jahr 1760. Beide Bestände helfen, eine Bildtradition genauer zu fassen.

Bildfamilie, Ausgabe und einzelnes Exemplar

Drei Ebenen solltest du unterscheiden. Eine Bildfamilie teilt Merkmale wie italienische Farben, Hofkarten, benannte Trümpfe und verwandte Bildanordnungen. Bei einer bestimmten Ausgabe entscheidet der Verlag über Zeichnung, Farbe, Beschriftung und Drucktechnik. Ein körperliches Exemplar ist das Deck, das jemand tatsächlich in Händen hielt und das abgenutzt, ausgebessert oder mit fremden Teilen vermischt sein kann.

Der Eintrag des British Museum ist dafür besonders anschaulich. Er beschreibt ein Deck mit 78 Karten als Nachbildung des von Nicolas Conver im Jahr 1760 entworfenen Tarots, datiert das erhaltene Exemplar aber ans Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Die Schachtel gehört laut Museum zu einem anderen Spiel; einige durch sie überlieferte Angaben müssen neu geprüft werden. Würden wir Hülle, Entwurf und Exemplar gleichsetzen, erzählten wir seine Geschichte falsch.

„Restaurierung“, „Faksimile“ und „nach einem Vorbild gestaltet“ bedeuten deshalb nicht dasselbe. Eine Nachbildung kann Farbe oder Linien verändern, damit beschädigte Einzelheiten wieder lesbar werden. Ein Faksimile zielt auf eine andere Nähe zum Zustand eines erhaltenen Originals. Eine neue Auslegung kann vieles neu zeichnen. Sieh vor der Buchwahl nach, was der Verlag behauptet, und vergleiche konkrete Karten.

An welchen Merkmalen du die Familie erkennst

In vielen Decks dieser Familie bestehen die Zahlenkarten der Kelche, Schwerter, Stäbe und Münzen aus Farbsymbolen und Verzierungen. Ihnen fehlen die erzählerischen Szenen vieler Rider-Waite-Smith-Karten. Französische Ausgaben nennen Figuren auf den Trümpfen etwa La Papesse, Le Pape oder La Maison Dieu. Solche Hinweise geben eine Richtung vor, reichen aber allein nicht zur Bestimmung von Werkstatt, Stadt und genauem Herstellungsjahr eines Exemplars.

Der Name „Marseille“ darf die italienische Frühzeit des Tarots nicht verdrängen. Die ältesten bekannten Belege häufen sich im Norditalien des fünfzehnten Jahrhunderts. Die Marseille-Familie ist ein späterer Zweig dieser Geschichte, kein Beweis für eine Erfindung des Spiels in jener Stadt.

Warum das beim Kartenlegen zählt

Angenommen, dein Buch fordert dich auf, die Geste einer Person auf der Fünf der Kelche zu betrachten. Zeigt deine Karte fünf Kelche mit Pflanzenornamenten, beschreibt die Buchstelle nicht dein Bild. Als fremde Deutungstradition kannst du daraus dennoch lernen. Du solltest aber wissen, dass du ein Element aus einem anderen System heranziehst.

Prüfe vor Kauf oder Benutzung eines Buchs vier Karten: Päpstin oder Hohepriesterin, Gerechtigkeit, Kraft und eine Zahlenkarte wie die Fünf der Kelche. Vergleiche Titel, Nummer und das Vorhandensein einer Szene. Notiere die Ausgabe auf deiner Schachtel. Dieses kleine Inventar verrät oft mehr als eine Verkaufsbezeichnung.

Die BnF dokumentiert Varianten und Veränderungen französischer Tarots. Du kannst eine Deckfamilie lernen und dennoch ihre Unterschiede respektieren. Ein gutes Handbuch nennt seine Referenzausgabe und erklärt, wie du die Deutung anpasst, wenn dein Deck im Detail abweicht.

Zum Vergleich der Systeme lies Marseille und Rider-Waite-Smith nebeneinander und wie du eine Marseille-Ausgabe auswählst. Der Ratgeber zu Tarot-Arten gibt einen ersten Überblick.

Ein Name, der eine genauere Bezeichnung braucht

Wenn eine Website „die Karte des Marseille-Tarots“ erklärt, sollte sie die verwendete Ausgabe angeben. Selbst bei ähnlichem Grundaufbau können eine fehlende Linie, eine restaurierte Farbe oder ein übersetzter Name verändern, was zu sehen ist. Der allgemeine Name weist Leser zu einer Familie; die genaue Ausgabe macht den Vergleich nachvollziehbar.

Die BnF ordnet ihre Spielkartensammlung nach Spielarten und nennt historische Varianten. Das schützt vor zwei Vereinfachungen: alle französischen Tarotdecks als einen einzigen Entwurf anzusehen und „Marseille“ mit jeder alten Karte gleichzusetzen. Ein Gegenstand kann alt und französisch sein und trotzdem nicht dem gesuchten Muster entsprechen. Genau wird die Bezeichnung erst zusammen mit Hersteller, Datum und Objekt.

Das Beispiel im British Museum ergänzt eine entscheidende Ebene. Sein erhaltenes Deck geht auf Conver von 1760 zurück, wurde aber erheblich später gedruckt. Auch die Schachtel stammt aus einer anderen Gruppe. Übernähme eine Rezension nur deren Aufschrift, würde sie das Deck falsch zuordnen. Museen können eine Verkaufserzählung korrigieren, weil sie Material, Bild und Geschichte des Gegenstands miteinander vergleichen.

Bildgestaltung studieren und Kartenlesen lernen sind verschieden

Für die Bildgeschichte kannst du zwei Marseille-Ausgaben Karte für Karte vergleichen: Linien, Farbpalette, Anordnung der Farbsymbole und Lesbarkeit der Namen. Zum Kartenlesen musst du zusätzlich fragen, welche Methode dein Handbuch vertritt. Dasselbe Bild kann in Büchern verschiedener Jahrhunderte anders ausgelegt werden. Eine grafisch getreue Reproduktion macht eine heutige Erklärung nicht automatisch zur „ursprünglichen“ Deutung.

Nimm die Fünf der Schwerter aus zwei Ausgaben. Zähle die Schwerter, beschreibe ihre Kreuzungen oder Abstände und notiere sichtbaren Schmuck. Lies danach zwei Handbücher und unterscheide ihre Regeln: Berufen sie sich aufs Bild, auf Zahlenlehre, auf überlieferte Deutungen oder auf eine Szene aus einem anderen System? Eine gemischte Methode ist nicht verboten; sie sollte aber benannt werden. Nennt sich ein Buch Marseille-Anleitung und beschreibt eine Figur, die nur in Rider-Waite-Smith vorkommt, erfüllt es sein Versprechen bildlicher Passung nicht.

Für Einsteiger ist die praktische Folge einfach. Kaufe nach erkennbarer Ausgabe und gezeigten Karten, nicht bloß nach dem Wort „authentisch“. Beschreibe zuerst dein wirkliches Deck. Danach kannst du eine Deutungstradition hinzunehmen und ihre Zeit und Autoren berücksichtigen. So entstehen weniger Verwechslungen, und du kannst andere Varianten kennenlernen, ohne jede Abweichung für einen Druckfehler zu halten.

Verwendete Quellen