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Sabio Tarot · Geschichte und Wissenswertes

Fünf historische Tarot-Fakten, die sich überprüfen lassen

„Das Tarot birgt ein jahrtausendealtes Geheimnis“ klingt eindrucksvoll, lässt sich aber kaum überprüfen. Eine erhaltene Karte, ein Museumseintrag und eine ungefähre Datierung erzählen weniger spektakuläre und viel interessantere Geschichten. Diese fünf Fakten gehen von identifizierbaren Objekten oder Katalogen aus. Sie enden dort, wo auch die Belege enden.

1. Ein frühes Tarot hatte mehr Hofkarten als erwartet

Ein in der Beinecke Library der Yale University aufbewahrtes Visconti-Deck enthält laut dem Metropolitan Museum of Art bis zu sechs Hofkarten pro Farbe, darunter männliche und weibliche Varianten mehrerer Ränge. Unter den Trümpfen finden sich zudem drei theologische Tugenden. Wer nur die 56 Kleinen und 22 Großen Arkana eines heutigen Decks kennt, wird hier eine andere Zusammensetzung entdecken.

Was das belegt: Eine frühe Struktur entspricht nicht genau der heute üblichen Zählung. Was es nicht belegt: dass alle Decks des fünfzehnten Jahrhunderts so aufgebaut waren. Das Met lässt offen, ob es sich um eine besondere Ausgabe oder um ein Stadium vor der Verfestigung anderer Muster handelt. Ein einziges erhaltenes Ensemble entscheidet nicht zwischen diesen Erklärungen.

2. Eine Museumsschachtel kann zu einem anderen Deck gehören

Das British Museum katalogisiert eine Reproduktion nach Nicolas Conver. Der Eintrag weist darauf hin, dass ihre Schachtel von einem anderen Deck stammt, nämlich Grand Etteilla, und dass manche von ihr übernommene Angaben korrigiert werden müssen. Deck und Hülle gelangten irgendwann zusammen, müssen aber nicht ursprünglich zusammengehört haben.

Was das belegt: Eine Beschriftung auf einem Gegenstand kann in die Irre führen, wenn man sie nicht mit den Karten und dem Katalogeintrag abgleicht. Was es nicht belegt: dass das Museum genau weiß, wer die Teile wann zusammenlegte. Diese kleine Geschichte lehrt eine Methode: Bevor du ein Objekt zuordnest, sieh dir Karte, Herstellungstechnik, Aufschrift, Schachtel und den Kommentar der Kuratoren an.

3. „Entwurf von 1760“ heißt nicht „Exemplar von 1760“

Derselbe Eintrag des British Museum nennt einen Entwurf von Nicolas Conver aus dem Jahr 1760. Das aufbewahrte Exemplar datiert er dagegen ins späte neunzehnte Jahrhundert und bezeichnet seine Technik als Chromolithografie. Man kann mit diesem Bildentwurf arbeiten, ohne ein Objekt aus Conver-Zeiten in der Hand zu halten.

Was das belegt: Die Geschichte eines Entwurfs und das Alter eines konkreten Exemplars sind zwei verschiedene Angaben. Was es nicht belegt: dass eine Reproduktion grundsätzlich wertlos oder irreführend wäre. Zum Untersuchen der Komposition kann sie nützlich sein. Wer über Originalpigmente und Verbreitung im achtzehnten Jahrhundert sprechen will, braucht hingegen ein Objekt aus dieser Zeit.

4. Ein Kartenlege-Deck konnte eine Anleitung enthalten

Ein anderes Tarot im British Museum, das zur Grand-Etteilla-Tradition gehört und auf das Ende des neunzehnten Jahrhunderts datiert wird, ist mit einer Anleitung erhalten. Das Heft erinnert daran, dass Deutungssysteme gelehrt und gedruckt werden. Sie stehen nicht außerhalb der Geschichte des Verlegens und Lesens.

Was das belegt: Diese Ausgabe dokumentiert einen Gebrauch zum Kartenlegen. Was es nicht belegt: dass das italienische Tarot des fünfzehnten Jahrhunderts dieselbe Anleitung mitbrachte oder alle Menschen im neunzehnten Jahrhundert nach denselben Regeln vorgingen. Die Darstellung des V&A zur Tarotgeschichte verortet die ausdrückliche Verbindung von Tarot und Wahrsagerei erst Jahrhunderte nach seiner ersten Dokumentation als Spiel.

5. „Rider-Waite-Smith“ benennt drei verschiedene Beiträge

Das V&A nennt Pamela Colman Smith als Gestalterin der Bilder, Arthur Edward Waite im Zusammenhang mit Leitung und Veröffentlichung des Projekts sowie Rider and Company für den Druck. Auch das British Museum führt sie als Künstlerin. Der vollständige Deckname hilft, die Person sichtbar zu machen, die auch die illustrierten Zahlenkarten zeichnete.

Was das belegt: Eine genaue Zuschreibung muss Illustration, Text und Veröffentlichung auseinanderhalten. Was es nicht belegt: dass jedes heutige Deck mit szenischen Zahlenkarten eine wörtliche Kopie der Bilder Colman Smiths sei. Einige deuten ihre Bildsprache neu; andere verfolgen einen eigenständigen Ansatz.

So überprüfst du eine weitere Kuriosität selbst

Wenn du eine verblüffende Behauptung findest, verwandle sie in eine Frage, die auch mit „nein“ beantwortet werden könnte. „Wo ist der Katalogeintrag des Objekts?“, „Welche Datierung betrifft den Entwurf und welche dieses Exemplar?“, „Stellt das Museum die Erklärung als Tatsache oder als Möglichkeit dar?“ Notiere die Antwort mitsamt Link. Findest du keinen dokumentarischen Beleg, musst du die Erzählung nicht verwerfen: Du kannst sie als Überlieferung, Hypothese oder heutige Deutung erzählen und entsprechend kennzeichnen.

Diese Disziplin verbessert auch die symbolische Deutung. Ein Bild kann verschiedene Gedanken anregen, ohne dass wir sein Entstehungsjahr oder seinen Urheber erfinden müssen. Weitere Zusammenhänge findest du in den Artikeln über die ersten Tarotdecks, die Bedeutung des Marseille-Tarots und Pamela Colman Smith.

Was die fünf Fälle gemeinsam haben

Alle fünf Fälle warnen davor, zwei Angaben vorschnell gleichzusetzen. „Derselbe Familienname“ bedeutet bei den Visconti-Decks nicht „dasselbe Deck“. „Vorhandene Schachtel“ bedeutet laut British Museum nicht „Originalschachtel“. „Entwurf von 1760“ bedeutet nicht „1760 hergestelltes Exemplar“. „Etteilla im Namen“ bedeutet nicht „zu Etteillas Lebzeiten gedruckter Gegenstand“. Und der Handelsname Rider beschreibt Pamela Colman Smiths Urheberschaft nicht vollständig. Jedes Mal entsteht der Fehler, wenn zwei Ebenen auf eine verkürzt werden.

Die Lösung besteht nicht darin, Jahreszahlen ohne Zusammenhang anzuhäufen. Ein brauchbarer Eintrag benennt die Einheit, auf die sich eine Angabe bezieht. Du kannst schreiben „Vom Deck X sind N Karten erhalten“, wenn der Museumskatalog N bestätigt. Ohne Untersuchung fehlender Karten solltest du daraus nicht „Das ursprüngliche Deck hatte N Karten“ machen. Ebenso lassen sich „Der Entwurf entstand zu diesem Zeitpunkt“ und „Dieses Exemplar wurde später gedruckt“ in einem Satz unterscheiden. Präzision braucht oft nur wenige zusätzliche Wörter.

Von einer Kuriosität zur kritischen Lektüre

Probiere es mit dem Foto einer Karte aus sozialen Medien. Suche das Objekt in einem Katalog. Findest du es, notiere Titel des Eintrags, Inventarnummer, zugeordnetes Datum, Technik und Anmerkung der Kuratoren. Frage dann, ob das kursierende Bild das Original, eine Reproduktion oder eine zeitgenössische Ausgabe zeigt. Vergleiche schließlich den Begleittext mit dem Katalogeintrag. Kennzeichne als „dokumentiert“, was sich deckt, und als „Deutung“, was die Person hinter dem Beitrag ergänzt.

Du musst eine symbolische Deutung nicht entwerten, nur weil sie keine historische Datierung ist. Sie kann einfallsreich, bewegend oder beim Studium einer Karte hilfreich sein. Entscheidend ist, dass sie als Deutung kenntlich bleibt. Behauptet ein Beitrag, das Gold einer Karte bedeute zwingend künftigen Reichtum, kann ein Museumseintrag allenfalls Gold auf dem Bildträger belegen, nicht diese Vorhersage. Das sind verschiedene Fragen mit verschiedenen Antworten.

Die Recherche eröffnet auch neue Fragen. Warum lag eine Schachtel bei einem anderen Deck? Wer entschied, abgenutzte Linien eines Druckstocks nachzubilden? Was änderte sich von einer Auflage zur nächsten? Kataloge beantworten solche Fragen nicht immer abschließend. Sie machen sie erst präzise stellbar. Eine gute historische Kuriosität darf mit einer klar benannten Wissensgrenze enden und interessant bleiben.

Konsultierte Quellen